Wie sehr der Blick auf die Natur von uns konstruiert ist, kann man an einem besonderen Beispiel sehr schön verdeutlichen: dem Blüteneinbruch.
Manche Blüten, wie die des Taubenkropf-Leimkrauts oder des Klappertopfs, verbergen ihren Blütennektar so tief in der Blüte, dass es für Insekten mit kurzen Rüsseln unmöglich ist an diesen zu gelangen. So auch für einige Hummelarten. Hummeln sind jedoch schlau. Sie beißen seitlich am unteren Ende des Blütenkelchs ein Loch in die Blütenwand und gelangen so an die Nektarquelle. Blöd nur für die Blume, denn so umgeht die Hummel den Bestäubungsmechanismus und trägt nicht zur Fortpflanzung der Art bei. Die Hummel bricht also entgegen der Regeln der Evolution in das Haus der Blume ein und raubt ohne Skrupel den Nektar, der als Belohnung für die mühevolle Bestäubungsarbeit vorgesehen ist.
Deshalb wurde für diesen Vorgang der Begriff Blüteneinbruch gewählt.
Schon Darwin rätselte über diesen Vorgang, denn es war nicht klar, ob er erlernt oder angeboren ist.
Ein britisches Forscherteam um D. Goulson hat dies in der Schweiz untersucht und festgestellt, dass es erlernt ist. Denn überwintert eine Königin, die Rechtshänderin ist, also die Löcher auf der linken Seite in die Blüte beißt, so lernen alle ihre Nachkommen das linksseitige Anbeißen. Und ist sie Linkshänderin, ist es genau umgekehrt. So wechselt manchmal das Anbeißen der Blüte von Jahr zu Jahr, von Königin zu Königin, denn alle ihre Nachkommen schauen sich das Verhalten ab.
Im Vordergrund der Betrachtung könnte also genauso gut die Schlauheit der Hummel stehen und ihre Fähigkeit Wissen weiter zu geben. Ist es aber nicht. Aber wir haben uns sprachlich auf Einbruch festgeschrieben. Damit implizieren wir auch einen moralischen Blick auf den Vorgang. Denn wir haben den mühevollen Weg der Blume erkannt, wie sie ihre Fortpflanzung gewährleisten will und wie sie fleißige Insekten beim Einhalten der Regeln belohnt. Und genau so soll unsere Gesellschaft funktionieren: wer die Regeln einhält, der soll belohnt werden. Doch leider ist auch dies nicht immer so. Und weiten wir den Blick auf den Naturvorgang, so wird schnell klar: wir blenden vollkommen aus, dass der Bauer die Wiese mäht und damit die Blumen an der Fortpflanzung genauso hindert, wir blenden aus, dass Kuh, Pferd und Esel in der Wiese grasen und Blumen fressen, denn ihre Belohnung ist, dass sie uns wiederum als Lieferanten von Dienstleistungen, Fleisch Mich oder anderem zu dienen haben. Damit sind sie aus einer negativen Blütenraub oder Einbruchs–Bewertung ausgeschieden.
Wir sehen hierbei zweierlei Konstruktionsmethoden, nämlich, dass hier mittels der Sprache als Werkzeug konstruiert wird und zweitens, dass unsere gesellschaftlichen Verhältnisse und Wunschvorstellungen auf die Natur übertragen werden. Schließlich geht es um ein Weltbild.
Und nebenbei sei gesagt: auch die Hummel unterliegt der Evolution, die diesen Weg gefunden hat. Die Abweichung vom Immergleichen, ist eben eines der Hauptprinzipien der Entwicklungsdynamik in der Natur. Vielfalt ist das was zählt, nicht Einförmigkeit oder Ausgrenzung.
Übrigens der Klappertopf wird auch Milchdieb genannt, weil er als Halbschmarotzer andere Pflanzenwurzeln anzapft und damit deren Wuchsleistung schmälert, was wiederum weniger Milchleistung für die Kühe bedeutet, aber gleichsam ein wundervoller evolutionärer Trick der Pflanze ist. Aber das ist wieder eine andere und doch sehr ähnliche Geschichte.
momentan ist es bei jungen leuten angesagt
sich blaue strähnen in die haare zu färben.
es signalisiert wohl, nicht angepasst zu sein.
ich kenne das noch aus den achziger jahren des letzten
jahrhunderts. damals trugen punker ebenfalls
blaue haare, oft einen blauen irokesenschnitt.
eine der ersten pflanzen, die mir hier über den weg läuft,
ist waid. auch so ein blaues wunder. mit ihren blättern kann man
stoff blau färben. und man höre und staune: schon die kelten färbten
mit dieser pflanze blau. nicht nur gewänder, sondern ganze krieger.
die blauen kelten-krieger-körper sollten furcht einflössen.
es ist ja immer rätselhaft, wie die wirklichkeit wirklich beschaffen ist.
was bedeuten blaue körper? was bedeuten sie bei mensch und was bei der pflanze?
zumal bei letzterer das blau gar nicht zu sehen ist. der färber macht blau. was heißt, er tut nichts, denn die sonne und der sauerstoff machen das blau.
ich lese: das blau bringt ein inneres leuchten zu tage. aha!
vielleicht ist die begegnung mit der blau machenden pflanze also ein fingerzeig für mich, hier
ein wenig was rebellisches zu bringen? punker, wikinger, nichts tun…
um ein wenig die gedanken zu ordnen und das denken in gang zu bringen, mache ich einen spaziergang. das hilft. und prompt treffe ich auf eine pflanze, die mich beeindruckt. auffallend schön gefiedertes blatt, würzig duftend, aber ich kenne sie nicht.
später erfahre ich, es ist der berg-haarstrang. wahnsinn! wie sich der kreis schließt.
allerdings: plötzlich ist alles grün.







