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Reinhard Krehl, Leipzig

ich arbeite gerade an einer Serie von kleinen Skulpturen, bestehend aus Steinen vom Acker, die ich zu kleinen Menschen füge. Einfach nur Mensch, ohne Namen, ohne Geschlecht, ohne alles. Ein Behälter für Zeit. Für Gutes, für Erinnerung, für Kunst und Freude. Die Zukunft ist offen. Entstanden auf der Schwäbischen Alb, von wo ich stamme.



heuzetten

am mittag schon
nimmt die sonne
die farbe aus dem frischen schnitt
blass wird das gras und
duftet verzweifelt
droben auf den bergen
geht der schnee jetzt sehr schnell
bald werden die wassersprenger
ihr klappern wieder über die wiesen verteilen
keiner weiß wie lange
die geschnittenen blüten
ihre farbe halten können


durch einen arvenwald gehen

durch einen arvenwald gehen
danach schlaf schlaf über viele
stunden und tage
darin sich ein wort befindet aus duft
und stolpert heraus über dickes
geflecht mit
langen bärten die von den ästen
hängen und moos
das mir auf den armen und beinen und in der nase
wächst als wäre die zeit ein
heilendes harz
das mich umschließt
und fängt mich ein für immer so wie
ich bin
so grün und amber und druchsichtig
ein reiner duft
in dem man sich schlafen legen möcht
durch einen arvenwald gehen


angesichts der weltlage hilft nur
eins: gehen.
nicht fortgehen, woanders wär es

nicht viel besser! nein, gehen
gehen regt den geist an. gehen bildet wirklichkeit, die sofort wirksam ist.
gehen schafft zudem schönheit. wir
brauchen mehr geist, mehr
langsamkeit, mehr empathie und
mehr schönheit. das schafft das
gehen. du siehst beim gehen
pflanzen und käfer, du begegnest
echten menschen, du spürst die
welt. selbst den schmelzenden
gletscher und den sturzregen. du
fühlst und empfindest. beim gehen
brauchst du vor allem: nichts.
du bist von der natur so erfunden
worden, dass du einfach losgehen
kannst. du brauchst kein auto,
kein benzin, keine autobahn, kein flugzeug, keine drohne, kein
kriegsschiff, keine panzer. das
ist viel. verwechsle gehen niemals mit marschieren.
gehen macht die welt schöner und zwar sofort.

Der Körper als Instrument
Der Mensch ist fürs Gehen geschaffen.
Ihr Körper ist ein Sensorium für Umwelteindrücke, genauso wie er aus diesen Eindrücken Wissen und Kultur schöpft.
Dies ist ein aktiver Vorgang, den das Gehen unterstützt. Ihr Körper ist nicht nur
Gehäuse, sondern ebenso
Forschungsanstalt, Universität,
Werkstatt, Kunstgalerie
und Andachtsraum gleichzeitig. Mit
ihm und durch ihn erfahren Sie
die Welt, oder
noch besser: Sie ergehen die Welt.
Das Tempo, das wir beim Gehen
anschlagen ist das absolut
Geeignetste für eine
präzise Raumwahrnehmung. Versuchen
Sie einmal vom Fahrrad aus
Pflanzen zu bestimmen, es wird Ihnen schwerlich gelingen.
Vom Auto aus verzerrt sich Ihre
Wahrnehmung bereits dahingehend, dass Sie nur noch grob gerasterte
Landschaftsfragmente identifizieren
können: Wald, Feld, Hecke, Hügel oder Wiesen.


Jean Jaques Rousseau sagt:
„Ich kann nur im Gehen denken; sobald ich stehen bleibe, denke ich nicht mehr,
mein Kopf arbeitet nur mit den Füssen gleichzeitig.“


Die Konstruktion der Natur

Wie sehr der Blick auf die Natur von uns konstruiert ist, kann man an einem besonderen Beispiel sehr schön verdeutlichen: dem Blüteneinbruch. Manche Blüten, wie die des Taubenkropf-Leimkrauts oder des Klappertopfs, verbergen ihren Blütennektar so tief in der Blüte, dass es für Insekten mit kurzen Rüsseln unmöglich ist an diesen zu gelangen. So auch für einige Hummelarten. Hummeln sind jedoch schlau. Sie beißen seitlich am unteren Ende des Blütenkelchs ein Loch in die Blütenwand und gelangen so an die Nektarquelle. Blöd nur für die Blume, denn so umgeht die Hummel den Bestäubungsmechanismus und trägt nicht zur Fortpflanzung der Art bei. Die Hummel bricht also entgegen der Regeln der Evolution in das Haus der Blume ein und raubt ohne Skrupel den Nektar, der als Belohnung für die mühevolle Bestäubungsarbeit vorgesehen ist. Deshalb wurde für diesen Vorgang der Begriff Blüteneinbruch gewählt. Schon Darwin rätselte über diesen Vorgang, denn es war nicht klar, ob er erlernt oder angeboren ist. Ein britisches Forscherteam um D. Goulson hat dies in der Schweiz untersucht und festgestellt, dass es erlernt ist. Denn überwintert eine Königin, die Rechtshänderin ist, also die Löcher auf der linken Seite in die Blüte beißt, so lernen alle ihre Nachkommen das linksseitige Anbeißen. Und ist sie Linkshänderin, ist es genau umgekehrt. So wechselt manchmal das Anbeißen der Blüte von Jahr zu Jahr, von Königin zu Königin, denn alle ihre Nachkommen schauen sich das Verhalten ab. Im Vordergrund der Betrachtung könnte also genauso gut die Schlauheit der Hummel stehen und ihre Fähigkeit Wissen weiter zu geben. Ist es aber nicht. Aber wir haben uns sprachlich auf Einbruch festgeschrieben. Damit implizieren wir auch einen moralischen Blick auf den Vorgang. Denn wir haben den mühevollen Weg der Blume erkannt, wie sie ihre Fortpflanzung gewährleisten will und wie sie fleißige Insekten beim Einhalten der Regeln belohnt. Und genau so soll unsere Gesellschaft funktionieren: wer die Regeln einhält, der soll belohnt werden. Doch leider ist auch dies nicht immer so. Und weiten wir den Blick auf den Naturvorgang, so wird schnell klar: wir blenden vollkommen aus, dass der Bauer die Wiese mäht und damit die Blumen an der Fortpflanzung genauso hindert, wir blenden aus, dass Kuh, Pferd und Esel in der Wiese grasen und Blumen fressen, denn ihre Belohnung ist, dass sie uns wiederum als Lieferanten von Dienstleistungen, Fleisch Mich oder anderem zu dienen haben. Damit sind sie aus einer negativen Blütenraub oder Einbruchs–Bewertung ausgeschieden. Wir sehen hierbei zweierlei Konstruktionsmethoden, nämlich, dass hier mittels der Sprache als Werkzeug konstruiert wird und zweitens, dass unsere gesellschaftlichen Verhältnisse und Wunschvorstellungen auf die Natur übertragen werden. Schließlich geht es um ein Weltbild.

Und nebenbei sei gesagt: auch die Hummel unterliegt der Evolution, die diesen Weg gefunden hat. Die Abweichung vom Immergleichen, ist eben eines der Hauptprinzipien der Entwicklungsdynamik in der Natur. Vielfalt ist das was zählt, nicht Einförmigkeit oder Ausgrenzung.

Übrigens der Klappertopf wird auch Milchdieb genannt, weil er als Halbschmarotzer andere Pflanzenwurzeln anzapft und damit deren Wuchsleistung schmälert, was wiederum weniger Milchleistung für die Kühe bedeutet, aber gleichsam ein wundervoller evolutionärer Trick der Pflanze ist. Aber das ist wieder eine andere und doch sehr ähnliche Geschichte.

momentan ist es bei jungen leuten angesagt sich blaue strähnen in die haare zu färben. es signalisiert wohl, nicht angepasst zu sein. ich kenne das noch aus den achziger jahren des letzten jahrhunderts. damals trugen punker ebenfalls blaue haare, oft einen blauen irokesenschnitt. eine der ersten pflanzen, die mir hier über den weg läuft, ist waid. auch so ein blaues wunder. mit ihren blättern kann man stoff blau färben. und man höre und staune: schon die kelten färbten mit dieser pflanze blau. nicht nur gewänder, sondern ganze krieger. die blauen kelten-krieger-körper sollten furcht einflössen. es ist ja immer rätselhaft, wie die wirklichkeit wirklich beschaffen ist. was bedeuten blaue körper? was bedeuten sie bei mensch und was bei der pflanze? zumal bei letzterer das blau gar nicht zu sehen ist. der färber macht blau. was heißt, er tut nichts, denn die sonne und der sauerstoff machen das blau. ich lese: das blau bringt ein inneres leuchten zu tage. aha! vielleicht ist die begegnung mit der blau machenden pflanze also ein fingerzeig für mich, hier ein wenig was rebellisches zu bringen? punker, wikinger, nichts tun… um ein wenig die gedanken zu ordnen und das denken in gang zu bringen, mache ich einen spaziergang. das hilft. und prompt treffe ich auf eine pflanze, die mich beeindruckt. auffallend schön gefiedertes blatt, würzig duftend, aber ich kenne sie nicht. später erfahre ich, es ist der berg-haarstrang. wahnsinn! wie sich der kreis schließt. allerdings: plötzlich ist alles grün.





















Link: www.reinhardkrehl.de

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